Insights 02.09.2026
Wärmepumpen im Bestand: Warum die Wärmewende systemisch gedacht werden muss
Ralf Lanzrath

Der Bestand ist der Ort der Entscheidung
Die Wärmewende entscheidet sich nicht im Neubau. Sie entscheidet sich dort, wo Millionen Menschen heute leben: in bestehenden Mehrfamilienhäusern.
Genau diese Gebäude sind technisch besonders anspruchsvoll. Unterschiedliche Baualtersklassen, begrenzte Aufstellflächen, bestehende Heizkörper, Anforderungen an Warmwasser, Schallschutz, Brandschutz, Betriebssicherheit und Wirtschaftlichkeit machen deutlich: Es gibt nicht die eine Wärmepumpe für den gesamten Bestand.
Der Schlussbericht LCR290 des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme ISE setzt genau an dieser Stelle an. Ziel des Projekts war es, Wärmepumpenlösungen mit dem natürlichen Kältemittel R290, also Propan, für den Austausch von Gas- und Ölheizungen im Bestand zu entwickeln. Im Fokus standen drei typische Anwendungsfelder: der Ersatz von Gas-Etagenheizungen, der Ersatz zentraler Heizungen im Keller und die Leistungssteigerung außen aufgestellter Wärmepumpen.
Die zentrale Botschaft aus unserer Sicht: Die Wärmewende im Bestand braucht keine weiteren Grundsatzdebatten. Sie braucht robuste, skalierbare und intelligent betriebene Systemlösungen.
R290: Natürliches Kältemittel mit strategischer Bedeutung
R290 ist für die Wärmepumpenentwicklung im Bestand mehr als ein technisches Detail. Propan ist ein natürliches Kältemittel mit sehr niedrigem Treibhauspotenzial. Damit wird es zu einem wichtigen Baustein für Wärmepumpensysteme, die ökologisch und regulatorisch langfristig tragfähig sein sollen.
Fraunhofer zeigt im LCR290-Projekt, dass R290-Wärmepumpen auch in relevanten Leistungsklassen für Mehrfamilienhäuser entwickelt und vermessen werden können. Die untersuchten zentralen Demonstratoren erreichen unter anderem Leistungsbereiche um 28 bis 31 kW bei vergleichsweise niedrigen Kältemittelfüllmengen.
Für die Wohnungswirtschaft ist das entscheidend. Zukunftsfähigkeit entsteht nicht nur über die Frage, ob eine Wärmepumpe heute funktioniert. Sie entsteht über die Frage, ob die eingesetzte Technologie auch in großen Portfolios langfristig planbar, sicher und wirtschaftlich betrieben werden kann.
Der Bestand braucht keine Standardlösung. Er braucht intelligente Anpassung.
Eine wichtige Erkenntnis des Fraunhofer-Berichts lautet: Mehrfamilienhäuser im Bestand unterscheiden sich zu stark, um mit einem einzigen Standardansatz gelöst zu werden. Effizienz, Platzbedarf, elektrische Anschlussleistung, Investitionskosten, Komfort, Warmwasserbereitung, Sicherheitsanforderungen, Aufstellort und Betriebsstrategie müssen gemeinsam betrachtet werden.
Das ist eine wichtige Erkenntnis für die Praxis. Wer die Wärmewende im Bestand skalieren will, darf nicht vom Produkt her denken. Er muss vom Gebäude, vom realen Wärmebedarf und vom Betrieb her denken.
Genau hier liegt der Unterschied zwischen einer reinen Geräteinstallation und einer echten Wärmelösung. Eine Wärmepumpe allein garantiert noch keinen effizienten und dauerhaft CO₂-armen Betrieb. Entscheidend ist, wie sie dimensioniert, hydraulisch eingebunden, mit weiteren Komponenten kombiniert und im laufenden Betrieb gesteuert wird.
Kaskadierung: Aus Wärmepumpen wird ein Wärmesystem
Besonders relevant ist der Blick des Fraunhofer-Berichts auf größere Leistungsklassen und Wärmepumpenverbünde. Für größere Leistungen werden Kaskadierung oder Skalierung ausdrücklich als Lösungsansätze genannt. Zusätzlich untersucht der Bericht Regelungsstrategien für mehrere Wärmepumpen im Verbund.
Das ist für die Wohnungswirtschaft hochrelevant. Portfolios bestehen nicht aus Laborbedingungen, sondern aus vielen unterschiedlichen Gebäuden, Lastprofilen und Betriebszuständen. Eine Kaskade ist deshalb nicht einfach eine technische Reihung mehrerer Geräte. Sie ist eine Betriebsarchitektur.
Sie kann Lasten verteilen, Redundanz schaffen, Teillast effizienter bedienen und Warmwasser- sowie Heizanforderungen besser koordinieren. Damit sie das leisten kann, braucht sie jedoch eine intelligente Steuerung.
Fraunhofer untersucht unter anderem zeitbasierte und bedarfsgerechte temperaturbasierte Zuschaltung sowie kombinierte Regelungsstrategien. Genau hier wird deutlich: Der eigentliche Hebel liegt im Betrieb. Wetter, Nutzerverhalten, Speicherzustand, Wärmebedarf und Effizienzbedingungen ändern sich kontinuierlich. Eine Kaskade muss darauf reagieren können - nicht einmal bei der Inbetriebnahme, sondern jeden Tag.
Bei PAUL wird aus dieser technischen Anforderung eine operative Fähigkeit: KI-basierte Steuerung macht aus mehreren Wärmepumpen ein lernendes Wärmesystem, das sich am realen Bedarf der Liegenschaft orientiert.
PAUL Perspektive
Hydraulik, Speicher und Warmwasser: Die Effizienz liegt im Detail
Der Bericht zeigt auch, dass die Effizienz einer Wärmepumpenlösung nicht allein vom Wärmeerzeuger abhängt. Hydraulik, Speicherintegration und Warmwasserbereitung haben großen Einfluss auf die Jahresperformance.
Gerade im Mehrfamilienhaus treffen Heizwärme und Trinkwarmwasser auf unterschiedliche Temperaturniveaus, Lastspitzen und Komfortanforderungen. Eine gute Lösung entsteht deshalb nicht durch maximale technische Komplexität, sondern durch die richtige Kombination. Manchmal ist der entscheidende Hebel nicht die größte Wärmepumpe, sondern die richtige Temperaturstrategie. Nicht der größte Speicher, sondern die passende Einbindung. Nicht die maximale Auslegung, sondern ein stabiler Betrieb über das Jahr.
Sicherheit ist kein Gegenargument. Sicherheit ist Teil der Systemlösung.
R290 ist ein brennbares Kältemittel. Deshalb sind Sicherheitskonzepte ein wesentlicher Bestandteil jeder professionellen Planung. Fraunhofer untersucht im LCR290-Projekt unterschiedliche Sicherheitskonzepte für Propan-Wärmepumpen in Mehrfamilienhäusern - von Füllmengen über Gehäusekonzepte und Belüftung bis hin zur Risikobewertung.
Das ist kein Grund, R290 im Bestand auszuschließen. Es ist ein Grund, die Umsetzung professionell zu standardisieren. Für die Wohnungswirtschaft bedeutet das: Sicherheit, Effizienz und Skalierbarkeit müssen gemeinsam geplant werden. Wärmepumpen im Bestand sind keine Einmalentscheidung für ein Gerät, sondern ein Betriebssystem für die nächsten Jahre.
Von der Forschung in die Umsetzung
Der LCR290-Bericht ist wichtig, weil er eine zentrale Realität der Wärmewende sichtbar macht: Der Engpass liegt nicht allein in der Technologie. Der Engpass liegt in der Umsetzung.
Wärmepumpen mit R290, Kaskadierung, intelligente Regelung, hydraulische Einbindung, Speicherstrategie, Warmwasser und Sicherheit müssen in der Praxis zusammenkommen. Erst dann wird aus einer guten Technologie eine belastbare Wärmelösung für die Wohnungswirtschaft.
Genau hier setzt PAUL an. Wir bringen grüne Wärme in bestehende Wohngebäude - digital geplant, intelligent gesteuert, im Betrieb überwacht und auf wirtschaftliche CO2-Reduktion ausgerichtet. Nicht als isoliertes Produkt, sondern als Wärmelösung für den Bestand.
Denn die Wärmewende wird nicht durch einzelne Geräte gewonnen. Sie wird dort gewonnen, wo Technik, Daten, Betrieb und Verantwortung zusammenkommen.
Quellen- und Faktenbasis
Primärquelle: Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE, LCR290 - Entwicklung von Wärmepumpenlösungen mit Propan für den Austausch von Gas- und Ölgeräten, Schlussbericht, Laufzeit 01.01.2023 bis 31.12.2025.