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Insight 07.07.2026

Der Netz­an­schluss ist zum Na­del­öhr der Wär­me­wen­de ge­wor­den

Ralf Lanzrath

Eine aktuelle Studie zeigt: In Deutschland warten Projekte im Umfang von rund 45 Mrd. Euro auf ihren Netzanschluss. Wer den Gebäudebestand dekarbonisieren will, braucht endlich verbindliche Fristen statt guter Absichten – und die Bundespolitik hat sich mit dem geplanten Netzpaket selbst dazu verpflichtet, genau das zu liefern.

Die Wärmewende hat in den letzten Jahren viele Gesichter bekommen: Förderprogramme, Gesetzesnovellen, kommunale Wärmepläne. Was in der öffentlichen Debatte dagegen kaum eine Rolle spielt, ist die banalste aller Voraussetzungen – der tatsächliche Stromanschluss. Ohne ihn bleibt jede Wärmepumpe ein Planungsdokument.

 

1. Ein bundesweites Problem, nicht ein regionales

Eine Studie der Beratungsgesellschaft Afry im Auftrag des Netzwerks "Beyond Fossil Fuels" beziffert den Rückstau im deutschen Verteilnetz auf Projekte mit rund 140 GW erneuerbarer Leistung und etwa 130 GW an Batteriespeichern. Insgesamt stecken schätzungsweise 40.000 Vorhaben in der Warteschlange, europaweit summiert sich der volkswirtschaftliche Schaden auf rund 100 Mrd. Euro. Die Studienautoren nennen fehlende Netzkapazitäten, langsame Genehmigungsprozesse und ineffiziente Regeln für Anschlussanfragen als Hauptursachen – verschärft in Deutschland durch mehr als 850 Verteilnetzbetreiber und geringe Transparenz.

Was in der Studie vor allem für erneuerbare Energien und Speicher untersucht wurde, erleben wir bei PAUL Tech ganz konkret bei der Beantragung von Anschlusskapazitäten für Wärmepumpenprojekte im Bestand: Die Wartezeiten sind kein Einzelfall einzelner Netzbetreiber, sondern Ausdruck eines strukturellen, bundesweiten Problems.

 

2. Was das für die Praxis bedeutet

Für ein Wohnungsunternehmen, das seinen Bestand dekarbonisieren will, ist der Netzanschluss kein Randthema, sondern oft der kritische Pfad im Projekt. Genehmigungen ziehen sich, Rückfragen der Netzbetreiber verzögern zusätzlich, und die Planungssicherheit für Investitionsentscheidungen leidet. Jeder Monat Verzögerung ist ein Monat, in dem eine alte, ineffiziente Heizung weiterläuft – wirtschaftlich wie klimapolitisch ein unnötiger Verlust.

 

3. Die Bundesregierung hat sich selbst verpflichtet – jetzt muss sie liefern

Im Koalitionsvertrag ist ein Netzpaket mit spürbaren Verbesserungen beim Netzanschluss angekündigt. Die darin vorgesehenen Schritte zu mehr Transparenz über freie Anschlusskapazitäten und zur Digitalisierung der Anschlussverfahren sind richtig – das erkennen auch Kritiker wie Germanwatch an. Genau an diesem selbst gesetzten Anspruch muss sich die Bundesregierung jedoch messen lassen. Der ebenfalls diskutierte Redispatch-Vorbehalt und eine Priorisierung von Anschlussbegehren durch die Verteilnetzbetreiber selbst bergen ein strukturelles Risiko: Ausgerechnet jene Akteure, die den heutigen Rückstand mitverantworten, erhielten mehr Entscheidungsspielraum. Ohne einheitliche, verbindliche Vorgaben des Bundes droht stattdessen ein Flickenteppich unterschiedlicher Regelungen der einzelnen Netzbetreiber.

 

4. Andere Länder machen es vor

Die Studie verweist auf Beispiele, an denen sich Deutschland orientieren könnte: In Großbritannien werden schnelle Netzanschlüsse finanziell gefördert, in Griechenland erfolgt die Priorisierung nach einheitlichen, landesweiten Kriterien. Beides sind keine exotischen Modelle, sondern pragmatische Antworten auf ein Problem, das auch in sieben weiteren europäischen Ländern in ähnlicher Form auftritt.

Die Wär­me­wen­de schei­tert nicht am Wil­len der Un­ter­neh­men. Sie schei­tert an Ver­fah­ren, für die der Bund jetzt Ver­ant­wor­tung über­neh­men muss.

PAUL Tech AG

5. Fazit

Deutschland hat die Technologie, die Förderprogramme und – zumindest bei vielen Eigentümern und Unternehmen – den Willen zur Umsetzung. Was fehlt, sind verbindliche Fristen, einheitliche Standards und eine klare Verantwortlichkeit bei den Netzbetreibern. Die Bundesregierung hat sich mit dem angekündigten Netzpaket selbst ein Versprechen gegeben – jetzt sollte sie sich auch daran orientieren, es zügig und konsequent umzusetzen, statt neue Entscheidungsspielräume bei genau den Akteuren zu schaffen, die den heutigen Rückstand mitverursacht haben. 

Bis dahin gilt: Wer den Klimazielen ernsthaft näherkommen will, muss den Netzanschluss so ernst nehmen wie die Heizungstechnologie selbst.

 

Quelle: energate, "Warteschlangen im Netz kosten Milliarden", 02.06.2026

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