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Insight 13.05.2026

BESS: der un­ter­schätz­te He­bel der En­er­gie­wen­de

Kristina Klehr

Die Diskussion über die Zukunft des Energiesystems wird derzeit von großen Zahlen dominiert: Gigawatt, Großspeicher, Mega-Projekte.  Energieversorger und Projektentwickler planen Batteriespeicher mit mehreren hundert Megawattstunden Kapazität. Parallel wächst die installierte Speicherkapazität in Deutschland rasant.

 

Diese Entwicklung ist wichtig- aber sie erzählt nur einen Teil der Geschichte.

Denn mit dem Ausbau erneuerbaren Energie verändert sich nicht nur die Stromerzeugung. Auch Verbrauch, Last und Flexibilität verlagern sich zunehmend in Immobilien: Wärmepumpen, E-Auto Ladeinfrastruktur, Photovoltaik und viele weitere elektrische Anwendungen sorgen dafür, dass Energie dezentral erzeugt aber auch verbraucht wird. Genau deshalb wird eine Frage immer relevanter:

Reicht ein zentral organisiertes Energiesystem noch aus, oder braucht die Energiewende zunehmend auch dezentrale Flexibilität?

Die Antwort darauf könnte entscheidend dafür sein, wie effizient, stabil und wirtschaftlich das zukünftige Stromsystem funktioniert.

Warum Speicher plötzlich systemrelevant werden

Wind- und Solarenergie produzieren Strom nicht konstant, sondern abhängig von Wetter und Tageszeit. Genau darin liegt die Herausforderung der Energiewende. Denn Strom muss dann verfügbar sein, wenn er von Industrie und Haushalten benötigt wird, nicht nur dann, wenn er erzeugt wird. 

Batter Energy Story Systeme (BESS) lösen dieses Problem. Sie speichern Energie bei Überschuss und sie bei Nachfrage wieder ab. Dadurch übernehmen sie mehrere zentrale Funktionen im Stromnetz:

  • Stabilisierung der Stromnetz bei variablen Verbrauch
  • Sehr gute Integration von erneuerbaren Energien
  • Verringerung der Lastspitzen
  • zeitliche Verschiebung des Energieverbrauchs
  • Flexibilität für Strommärkte

Die Bedeutung dieser System wächst rasant. Laut Bundeswirtschaftsministerium (BMWE) stieg die installierte Batteriespeicherkapazität in Deutschland 2024 von 50% gegenüber dem Vorjahr. Anfang 2025 war bereits über 18 Gigawattstunden stationäre Speicherkapazität installiert.

Die Debatte fokussiert sich zu stark auf Großspeicher

Der öffentliche Fokus liegt derzeit vor allem auf zentralen Großspeichern. Diese Projekt sich sichtbar und können enorme Energiemengen bewegen. Dabei dabei entsteht leicht ein Denkfehler: Ein zunehmend dezentrales Energiesystem benötigt nicht nur zentrale Speicherkapazitäten, sondern auch Flexibilität dort, wo der Energieverbrauch entsteht: in Gebäuden wo wir leben und arbeiten. Und zwar durch

  • Wärmepumpen zum Heizen
  • Elektromobilität
  • PV-Anlagen
  • wachsende elektrische Infrastruktur in und um Immobilien

Hier liegt ein bislang unterschätzter Anteil  der Versorgung von dezentralen Batteriespeicher.

BESS werden schnell und flexibel installiert

Dezentrale Stromspeicher bieten Flexibilität direkt im Gebäude

Kleinere Batteriespeicher können Energie vor Ort aufnehmen, zwischenspeichern und bei Bedarf netzdienlich ausgeben. Technisch ist dies schon sehr lange möglich. Virtuelle Kraftwerke, intelligente Steuerungssystem und digitale Strommärkte erlauben die Bündelung vieler kleiner Speicher zu einem flexiblen Gesamtsystem. Und dieser Vorteil ist strukturell relevant, da dort wo die Last entsteht, Flexibilität möglich wird. Bestehende Stromnetze werden somit effizienter genutzt und vor allem entlastet.  Gleichzeitig entstehen neue Möglichkeiten für netzdienliche Steuerung und Strommarktintegration.

Großspeicher und dezentrale Speicher sind keine Gegensätze. Sie erfüllen unterschiedliche Funktionen im selben Energiesystem. Während Großspeicher große Energiemengen zentral verschieben. können dezentrale Speicher eine Flexibilität breiter im Netz verankern.

 

Warum BESS im Gebäudebestand besonders relevant werden

Mit der stärkeren Elektrifizierung des Immobiliensektors steigt der Bedarf an lokaler Flexibilität massiv.  Wärmepumpen, Ladesäulen und PV-Anlagen verändern Lastprofile von Immobilien grundlegend. Gebäude werden damit zunehmend selbst zu aktiven Bestandteilen des Energiesystems. BESS können dabei helfen

  • Lastspitzen zu reduzieren
  • lokal erzeugten Solarstrom zwischenzuspeichern
  • volatile Strompreise besser zu nutzen
  • Energie zeitlich intelligent zu verschieben
  • teure Netzanschlüsse effizienter auszulasten

Gerade in Kombination mit Wärmepumpen entstehen dadurch neue Möglichkeiten für einen wirtschaftlichen und netzdienlichen Gebäudebetrieb. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln) weist darauf hin, dass BESS mit zunehmenden Ausbau erneuerbarer Energien immer relevanter für die Netzt Stabilität werden. Insbesondere dann, wenn sie durch geeignete Preissignale netzdienlich gesteuert werden

Die eigentliche Frage lautet nicht: "Wie viele Speicher?" - sondern "Wo?"

Deutschland erlebt derzeit einen massiven Speicherboom. Doch die strategisch entscheidende Frage lautet nicht nur, wie viele Speicher gebaut werden. Die wichtigere Frage lautet: Wo im Energiesystem entsteht Flexibilität? Denn die Antworten darauf werden mitentscheiden, wie stark Stromnetze ausgebaut werden müssen und wie effizient erneuerbare Energien integriert werden können. Denn beide Aspekte beeinflussen direkt den Strompreis und insgesamt wie skalierbar die Energiewende wird. 

 

Fazit

BESS sind weit mehr, als eine Ergänzung der Energiewende. Sie entwickeln sich zur zentralen Infrastruktur eines Energiesystems, dass auf erneuerbare Energien setzt. Dabei wird häufig übersehen, dass nicht nur zentrale Speicher relevant sind.  Gerade dezentrale Batteriespeicher im Gebäudebestand werden immer mehr einen wichtigen Beitrag leisten. Insbesondere dort, wo erneuerbare Energie erzeugt und direkt verbraucht wird. Die Speicher-Revolution findet deshalb nicht im industriellen Wettlauf statt, sie beginnt zunehmend dezentral in Immobilien.

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